Die Klöppelspitze in Österreich

Die Geschichte der Klöppelspitze in Österreich muss man vor dem Hintergrund der Monarchie betrachten, da die meisten Klöppelzentren in den ehemaligen Kronländern lagen. Im Kernland Österreich, dem heutigen Staatsgebiet, wurde mit wenigen Ausnahmen nicht viel geklöppelt – es gab auch kaum größere Zentren oder Klöppelschulen.

Man nimmt an, dass die Klöppelei vom sächsischen Erzgebirge auf Böhmen überging. Von dort wurde sie mit dem Bergbau und den damit in Verbindung stehenden Personen auch in andere Teile der österreichischen Monarchie gebracht.

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Urkundliche Erwähnung über Spitzenhändler und Tauschgeschäfte (Spitze gegen Waren des täglichen Gebrauchs) lassen den Schluss zu, dass in der 2. Hälfte des 17. Jhdt. schon viele Spitzenmacherinnen am Werk waren. Um die Mitte des 18. Jhdt. entstanden in Böhmen bereits größere Unternehmen, die sich ausschließlich dem Handel mit Spitzen widmeten. 1766 wollten die Spitzenhändler eine zunftmäßige Organisation gründen, diese wurde aber per Hofdekret als – der Klöppelei abträglich – untersagt.

Es war die Zeit der Kaiserin Maria Theresia, die das Klöppeln sowie andere Handarbeitstechniken sehr förderte. Sie wollte die feinen belgischen und niederländischen Spitzen in Österreich arbeiten lassen und ließ zu diesem Zweck Lehrerinnen kommen. Diese nachgemachten Spitzen konnten mit den Originalen aber nie konkurrieren, so wandte man sich wieder der heimischen Spitze zu.

Die Klöppelei war zu diesem Zeitpunkt in Österreich schon sehr weit verbreitet. So sollen 1786 in Böhmen fast 14.000 Personen mit der Er-zeugung von Spitzen beschäftigt gewesen sein. Die Arbeit fand in der so genannten Hausindustrie statt – die Vermarktung wurde von Fabrikanten übernommen.

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Im Salzburger Flachgau, im Gebiet von St. Gilgen (noch heute existiert dort ein heimatkundliches Museum mit einer Spitzensammlung) wurde besonders viel geklöppelt. Gearbeitet wurden vor allem gröbere Spitzen für das Bürgertum aus inländischem Flachs. Im Laufe der Zeit hat sich dort eine eigenständige Spitzemit vielen flandrischen Elementen entwickelt. Im 19. Jhdt. entstanden dann die Torchonspitzen mit dem typischen „Salzburger Nahtl".

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In der 2. Hälfte des 19. Jhdts wurden in der ganzen Monarchie viele Spitzenschulen gegründet, wie etwa Luserna, Idrija, Drosau, Görz, Wamberg und viele mehr.

Bei der Weltausstellung1873 in Wien wurde klar, dass wir in Österreich im internationalen Vergleich nicht mithalten konnten. Es wurde deshalb 1874 in Wien eine Kunststickereischule gegründet, der eine Zentrallehranstalt für Spitzenzeichnen angegliedert wurde.

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1879 wurde der K. K. Wiener Zentralspitzenkurs gegründet

  1. um die Spitzenproduktion zu verbessern,
  2. um Fachlehrerinnen für die angeschlossenen Fachschulen auszubilden,
  3. um neue Muster zu zeichnen und neue Techniken zu entwickeln,
  4. um dem Verfall der Handspitzenproduktion entgegenzuwirken und den Spitzenarbeiterinnen bessere Arbeitsmöglichkeiten zu bieten
  5. und um die Vermarktung besser zu organisieren.

Josef Ritter von Storck übernahm die Leitung und legte besonderes Augenmerk auf das Design. Johann Hrdlicka leitete den Zeichenkurs, den praktischen Teil des Klöppelns hatte Adelheid Richter inne. Neue Musterbücher entstanden, gingen in Druck und die in 6-monatigen Kursen ausgebildeten Lehrerinnen verbreiteten die neuen Unterlagen in der ganzen Monarchie.

Johann und Mathilde Hrdlicka sowie Franziska Hofmanninger bemühten sich um die Moderne, statt der traditionellen Muster entstanden nun neue, der Natur entnommene Formen.

spitzentafel

In diese Zeit fällt auch die Entstehung der AUSTRIA-SPITZE. Eine duftige zarte Spitze, die mit wenigen Paaren gearbeitet wird und ein stark gedrehtes Laufpaar hat.

Bereits 1910 kam ein großer Teil der Mustersammlung des K.K. Zentralspitzenkurses in die K.K. Kunststickereischule, der Vorläuferin der heutigen HBLAin der Herbststraße (Wien). Durch den großen Fundus, der heute noch erhalten ist, war es möglich, die Austria-Spitze zu rekonstruieren und wieder zu beleben.

 

Roswitha Lerchbaumer, Leopoldine Winkler

 

Quellen:
Cronbach, Else: „Die österreichische Spitzenindustrie“
Wiener Staatswissenschaftliche Bücherei Wien 1907
Dreger, Moritz: „Entwicklungsgeschichte der Spitze.“ O.V. Wien 1910

 

Die „Wiener Werkstätte“ und ihre Spitzen

plakat

Die Wiener Werkstätte ist der kommerzielle Versuch einer Produktionsgenossenschaft von Kunsthandwerkern basierend auf dem Gedankengut der „Guild of Handicraft“ des Charles R.Ashbee aus London. Künstlerisch ist sie geprägt durch die Künstlervereinigung „Wiener Sezession“ mit seinem Präsidenten Gustav Klimt und dem Jugendstil. Handwerklich liegen die Ursprünge im staatlichen Schul- und Ausbildungssystem mit der 1868 errichteten Kunstgewerbeschule. Zu diesem System gehörte der für die Spitzen so entscheidende K.K. Zentralspitzenkurs und ab 1908 deren Nachfolgeinstitution, die K.K. Zentralanstalt für Frauen- Hausindustrie.

Gegründet wurde die Wiener Werkstätte 1903 durch die Professoren der Kunstgewerbeschule Josef Hoffmann und Koloman Moser und als Finanzier Fritz Waerndorfer. Die erste Produktionsstätte war im 4. Wiener Gemeindebezirk. Hierzu gehörte eine Silberschmiede und eine Metallwerkstatt. In der Folge kamen u. a. eine Tischlerei, eine Lackiererei, eine Buchbinderei und ein Baubüro dazu. Ihr Ziel war die Schaffung eines „Gesamtkunstwerkes“. Auf dem Gebiet der Mode wurde das „Reformkleid“ ohne Rüschen und Spitzen in Ablehnung des Korsetts propagiert.

Am Ende des Jugendstils wandten sich die Erneuerer der Kunst und des Kunstgewerbes der Mode zu. Für die Wiener Werkstätte war dies 1907 mit der Arbeit am Projekt „Cabaret Fledermaus“ mit den dazugehörenden Kostümen gegeben. 1910 wurde unter der Leitung vom Eduard Josef Wimmer-Wisgrill eine eigene Modeabteilung eröffnet. Die Zusammenarbeitmit dem „Salon Flöge“ war gegeben.

In der Folge ergab sich eine neue künstlerische Orientierung der Wiener Werkstätte. Entscheidend hierzu trug Dagobert Peche bei, der erstmals 1911 mit Josef Hoffmann zusammentraf. 1913 wurden von Josef Hoffman die „Künstlerwerkstätten“ ins Leben gerufen. Hier konnten Künstler, die keine eigene Werkstätte bzw. keine Produktionsmittel einschließlich des benötigten Materials besaßen, ohne eigene Kosten experimentieren. Die Künstler waren keine Angestellten der Wiener Werkstätte, sie wurden auf Honorarbasis entlohnt. Ihre Entwürfe wurden von der Wiener Werkstätte angekauft und produziert.

Im Textilbereich hatten die Spitzen einen wesentlichen Anteil am Verkauf. Es gab sogar eine eigene Spitzenabteilung. Im künstlerischen Denken der Wiener Werkstätte spielten die Spitzen aber nur eine untergeordnete Rolle. Nur eine geringe Anzahl der für die Wiener Werkstätte arbeitenden Künstlerinnen entwarfen Spitzen. Zu nennende Spitzenentwerfer in alphabetischer Reihenfolge sind: Max Bude, Carl Otto Czeschka, Mathilde Flögl, Josef Hoffmann, Hilde Jesser, Maria Likarz, Fritzi Löw, Dagobert Peche, Reni Schaschl, Anny Schröder und Vally Wieselthier. Ein Großteil hiervon waren Absolventen der Kunstgewerbeschule. Grete Thums, die in diesem Zusammenhang in der Literatur genannt wird, zählt mit ihren Spitzen sicher nicht dazu.

Der herausragende Spitzenentwerfer war Dagobert Peche. Er wurde am 3. 4. 1887 im Lungau geboren. 1915 wurde er in die Leitung der „Werkstätten“ berufen. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Soldat in Bruck an der Leitha wurde er auf Intervention der Wiener Werkstätte krankheitshalber bereits 1917 aus dem Militärdienst entlassen und übernahm die Leitung der „Wiener Werkstätte AG“ in Zürich. Dieser Aufenthalt in der Schweiz sollte eine künstlerisch sehr aktive Zeit für ihn werden. 1919 kehrte er nach Wien als Leiter der „Werkstätten“ zurück. Er starb an einem bösen Sarkom am 16.4.1923 in Mödling und wurde in einem Nachruf beschrieben „als das größte Dekorationstalent … das Österreich seit der Barockzeit hatte“.

Max Bude, geb. 1886 in Dresden, selbst Entwerfer von Spitzen, war von 1910 bis 1913 als kunsttechnischer Leiter bei der K.K. Anstalt für Frauen-Hausindustrie beschäftigt. Von 1918 bis 1925 war er als kunstgewerblicher Leiter und Prokurist bei der Wiener Werkstätte angestellt. So war er auch für die Produktion der Spitzen verantwortlich. Die Spitzen wurden in Heimarbeit sowohl in Wien wie auch in Böhmen hergestellt. Die Firma Gustav Flor aus Neudeck ist hier zu nennen. Für die Produktion von Meterware gab es bereits Klöppelbriefe.

Das kommerzielle Leben der Wiener Werkstätte war ein „Auf und Ab“. Bereits 1906 verließ Koloman Moser nach einer missglückten Geldbeschaffungsaktion die Wiener Werkstätte. Der erste Financier Fritz Waerndorfer musste auf Druck seiner Familie Wien in Richtung Amerika verlassen. Die Familie Primavesi übernahm die Firma. 1920 suchte Philipp Häusler gegen den Willen von Josef Hoffmann die Zusammenarbeit mit der Industrie. Nach dem Konkurs des Bankhauses Primavesi übernahm der Industrielle Kuno Grohmann die finanzielle Leitung bis 1930.

Den neuen Finanziers Alfred Hoffmann und Hans Heinrich Bischoff verblieb nur die Aufgabe, die Wiener Werkstätte aufzulösen. Am 14. Oktober wurde dies rechtlich vollzogen. In der Sonderausstellung im Wappensaal des Schlosses Porcia sollen Ihnen an Hand von Originalen und Rekonstruktionen diese wundervollen Spitzen näher gebracht werden. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass den Spitzen der Wiener Werkstätte in der Öffentlichkeit die ihnen gebührende Beachtung sowohl in der Vergangenheit wie auch derzeit nicht geschenkt wird.

 

Dr. Hartmut Lang

 

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